Carl von Ossietzky gilt als prominentester KZ-Häftling in Esterwegen

Esterwegen. „Nach zehn Minuten kamen zwei SS-Leute, die einen kleinen Mann mehr schleppten und trugen als heranführten. Ein zitterndes, totenblasses Etwas, ein Wesen, das gefühllos zu sein schien, ein Auge verschwollen, die Zähne anscheinend eingeschlagen.“

Der Mann, von dem hier die Rede ist: Carl von Ossietzky – Publizist, Friedensnobelpreisträger und prominentester Häftling im Konzentrationslager Esterwegen. Der Schweizer Diplomat Carl Jacob Burckhardt, der im Oktober 1935 im Auftrag des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz den Häftling in Esterwegen besuchte, schrieb 1960 diese Zeilen.

Konzentrationslager war Esterwegen zwischen 1933 und 1936. Inhaftiert waren hier in dieser Zeit viele prominente Politiker aus dem Reichstag und dem Preußischem Landtag, aber auch Gewerkschafter und Intellektuelle.

Aufgewachsen in Hamburg, wurde Carl von Ossietzky Gerichtsschreiber und verfasste erste Zeitungsartikel. Im August 1913 heiratete er die Britin Maud Hester Lichfield-Woods, die der englischen Frauenrechtsbewegung angehörte. Im Ersten Weltkrieg war er Soldat, danach ließ sich Ossietzky in Berlin nieder, wo er sich als Journalist und Friedensaktivist einen Namen machte.

Ossietzky verteidigte mit spitzer Feder die Weimarer Republik gegen Feinde von rechts, deckte politische Skandale auf und geriet mehrfach mit der Justiz in Konflikt. Im November 1931 wurde er wegen eines Artikels über die von der Reichswehr betriebene heimliche Aufrüstung, der als Landesverrat betrachtet wurde, zu 18 Monaten Haft verurteilt.

Am 28. Februar 1933 verhaftete ihn schließlich die Gestapo, am 6. April 1933 ließ die Gestapo Carl von Ossietzky und andere prominente „Schutzhäftlinge“ von Berlin in das KZ Sonnenburg bei Küstrin verlegen. Schlägertrupps der SA hatten es vor allem auf den vermeintlichen Juden und Polen Ossietzky abgesehen. Ein SA-Mann prügelte mit den Worten „Du polnische Sau, verrecke doch endlich!“ auf ihn ein.

Im KZ Esterwegen, wo Ossietzky seit Mitte Februar 1934 unter der Nummer 562 inhaftiert war, hörten die Quälereien nicht auf: Arreste, Fußtritte, Schläge, Latrinen säubern und schwere körperliche Arbeit. Ossietzky musste auch mit ins nasse Moor ziehen, um Gräben auszuheben. Ein Mithäftling hörte, wie ein Aufseher sagte: „Am liebsten würde ich dich umbringen. Aber von dir wird gesprochen.“

Mitstreiter und Freunde wollten nicht tatenlos zusehen, wie Carl von Ossietzky zugrunde ging. Vom Ausland aus starteten sie 1934 eine Friedensnobelpreis-Kampagne, die von bedeutenden Persönlichkeiten wie den beiden Friedensnobelpreisträgern Jane Addams und Ludwig Quidde, von Thomas und Heinrich Mann, Albert Einstein und Bertrand Russell unterstützt wurde.

Ossietzky und das KZ Esterwegen rückten jetzt in den Blickpunkt der internationalen Öffentlichkeit. Die Kampagne geriet aber zu einem Wettlauf mit der Zeit, denn der Gesundheitszustand des Häftlings verschlechterte sich dramatisch. Im März 1936 stellte der Meppener Kreisarzt bei Ossietzky einen lebensbedrohlichen Gesundheitszustand fest. In Berlin wuchs die Nervosität. Im Vorfeld der Olympischen Spiele 1936 hätte der Tod Ossietzkys im KZ eine schwere Anklage gegen die NS-Diktatur bedeutet. Im Mai 1936 ordnete Göring daher die Überführung des Häftlings in das Staatskrankenhaus der Polizei in Berlin an.

Am 23. November 1936 sprach das Nobelkomitee Ossietzky rückwirkend den Friedenspreis für 1935 zu. Er durfte die Auszeichnung jedoch nicht entgegennehmen. Hitler verbot ab sofort allen Deutschen, künftig einen Nobelpreis anzunehmen.

„Danke, sagen Sie den Freunden, ich sei am Ende, es ist bald vorüber, bald aus, das ist gut.“ Mit diesen im Herbst 1935 zu Burckhardt gesprochen Worten sollte Ossietzky recht behalten. Am 4. Mai 1938 starb Carl von Ossietzky im Nordendkrankenhaus an den Folgen seiner Haft.

Autor: Carsten van Bevern, Meppener Tagespost am 24. Oktober 2011

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