Die Moorsoldaten mahnen

Esterwegen (hsz)
"Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor": Erwin Schulz stimmte am Freitag in das Lied der KZ-Häftlinge ein. Als überlebender Insasse des Konzentrationslagers in Esterwegen nahm der 93-jährige Berliner an der Eröffnung einer provisorischen Gedenkstätte auf dem ehemaligen Lagergelände teil. Die Einrichtung soll das zentrale Mahnmal für die 15 Emslandlager werden, in denen in der NS-Zeit rund 25.000 Menschen ums Leben kamen.

"Neben Dachau galt Esterwegen als Musterlager", erinnerte Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann (CDU) daran, dass 1933 in Esterwegen eines der ersten Konzentrationslager in Deutschland errichtet wurde. "Als wir in Esterwegen ankamen, lief uns ein Schauen den Buckel runter", blickte Erwin Schulz auf seine Leidenszeit zurück. Die Wachmannschaft der SS habe die Gefangenen mit Schlägen und Pistolenschüssen empfangen, um ihr Selbstbewusstsein nieder zu drücken. Schulz verbrachte mehr als drei Jahre seines Lebens in den Lagern Esterwegen, Börgermoor und Aschendorf. "Nur durch die Solidarität der Gefangenen hat man so etwas durchstehen können", sagte er. Ihm wurde versichert, dass die Gräueltaten in kommenden Generationen nicht in Vergessenheit geraten werden. "Der Schatten der Geschichte, der auf uns Deutsche durch die furchtbaren Verbrechen der NS-Zeit gefallen ist, wird nicht vergehen", sagte Landrat Bröring. "Vielmehr müssen wir aktiv die Lehre annehmen, die uns daraus erwächst. Dazu soll die Gedenkstätte ein sichtbares Zeichen sein."

Der Vereinsvorsitzende des Dokumentations- und Informationszentrums Emslandlager (DIZ), Habbo Knoch, betonte: "vor 20 Jahren war eine Gedenkstätte noch ein Wunschtraum." An den meisten Standorten der 15 Lager gebe es nur noch zufällige Überreste. Die Erschließung des Geländes sei deshalb eine mühsame Spurensuche. Knoch: "Vielleicht geht es mit der Errichtung einer Gedenkstätte wie mit der Komposition eines Liedes. Ideen und Inspirationen müssen zu einem stimmigen Werk zusammen kommen." Der fehlende Originalzustand soll ausdrücklich nicht zu einer Rekonstruktion des Lagers führen, erläuterte Landrat Bröring die zukünftige Entwicklung. Der Aufbauprozess der Gedenkstätte solle durch Besucher und Bürger begleitet und mitgestaltet werden. Bröring: "Der Respekt vor dem Leiden der Opfer verbietet die Inszenierung der vergangenen Situation, die kaum auch nur ansatzweise richtig dargestellt werden könnte." Deshalb wurde zunächst ein 1,5 Kilometer langer Rundweg mit zwölf Informationstafeln angelegt, auf denen Texte und Originalzitate ehemaliger Lagerinsassen die Situation im KZ nachzeichnen. Mittelfristig ist ein Besucherzentrum über die Geschichte der Emslandlager geplant.

aus: SonntagsReport vom 07.05.2006

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