Ehemaliger Esterwegen-Häftling Henk Verheyen hegt keinen Hass

Esterwegen. „Ich landete in Baracke 3. Rumorend tauchten kahl geschorene Köpfe von überall her aus dem Dunkel auf. Es war ein erschütterndes Spektakel. In welchem Teil von Dantes Inferno war ich nun schon wieder gelandet?“

Mit diesen Worten beschreibt der 1925 in Antwerpen Geborene in seinem 2009 auf Deutsch erschienenen Buch „Bis ans Ende der Erinnerung“ seine Ankunft im Emsland. Am 3. September 1943 kam Henk Verheyen in das Strafgefangenenlager VII nach Esterwegen. Er hat diese Zeit und seinen anschließenden Aufenthalt unter anderem im Konzentrationslager Flossenbürg sowie den „Todesmarsch“ in Richtung des KZ Dachau überlebt. 15 der 22 gemeinsam mit ihm verhafteten und nach Deutschland transportierten Mitglieder seiner Widerstandsgruppe sind ums Leben gekommen. Auch für sie wird er am kommenden Montag bei der Eröffnung der Gedenkstätte Esterwegen als ehemaliger „Nacht- und-Nebel“-Gefangener zu den 600 geladenen Gästen sprechen und sein Zeitzeugenvermächtnis vorstellen.

Nacht-und-Nebel- oder kurz NN-Gefangene: Dieser Begriff ist erst seit dem Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher bekannt geworden und begründet sich auf einen „Führererlass“ von Adolf Hitler über „Richtlinien für die Verfolgung von Straftaten gegen das Reich oder die Besatzungsmacht in den besetzten Gebieten“. Danach wurden rund 7000 des Widerstands Verdächtigte aus Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Norwegen ins Deutsche Reich verschleppt, heimlich abgeurteilt und auch bei erwiesener Unschuld in Haft behalten – ohne dass die Angehörigen irgendwelche Auskünfte erhielten. Das spurlose Verschwinden sollte der Abschreckung dienen.

Als Schüler ist Henk Verheyen im Winter 1942 Mitglied einer Widerstandsgruppe geworden. Am 27. Juni 1943 wurden 32 Jungen dieser Gruppe – das Durchschnittsalter lag bei 18 Jahren – in eine Falle gelockt und verhaftet. 23 wurden nach Deutschland deportiert und wegen „Feindbegünstigung“ zu Gefängnisstrafen zwischen zwei und sechs Jahren verurteilt. Über Gefängnisse in Antwerpen, Brüssel und Essen wurde er im September 1943 in einem Güterwaggon über Münster, Lingen und Papenburg nach Esterwegen gebracht. 66 Transporte mit 2696 NN-Gefangenen kamen zwischen Mai 1943 und dem 14. April 1944 insgesamt in Esterwegen an.

Als „Hungerlager“ ist ihm Esterwegen in Erinnerung geblieben, er musste Patronenhülsen sortieren – und sich bei 17 Grad Frost im Februar 1944 mit einer eitrigen Angina im nachts unbeheizten „Revier Nord“ behandeln lassen. Bei gleichen Temperaturen wurden Appelle abgehalten. Im Freien und ohne Mantel. „Wir standen über eine Stunde im Schnee und wurden steif. Dann mussten

wir uns bis aufs Hemd ausziehen, die Bewacher waren auf der Suche nach versteckten Zeichnungen, nach einer weiteren Stunde durften wir wieder rein.“

Und sein Vermächtnis? „Ich hege keinen Hass. Ich möchte nur ein warnender Zeuge sein ..., auf dass uns ein derartiger Wahnsinn nie wieder erfasse.“ So schreibt er in seinem Buch.

Autor: Carsten van Bevern, Meppener Tagespost am 29. Oktober 2011

 

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