Grabungen auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Esterwegen – Kooperation mit dem Bistum Osnabrück

„Das ist wirklich Geschichte zum Anfassen“

Aktive Gedenkstättenarbeit im Emsland

Esterwegen/Westerbork (NL)

Patronenhülsen, Erkennungsmarken sowie das Fundament des Lagertores – bei den Grabungen auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrations- und Strafgefangenenlagers in Esterwegen kamen in den vergangenen drei Wochen viele Fundstücke wieder zum Vorschein.

Von Carsten van Bevern

„Das ist wirklich Geschichte zum Anfassen.“ Mit diesen Worten fasst Kai Olaf Jünemann (17) aus Bawinkel im Altkreis Lingen seine Erlebnisse während eines einwöchigen Workcamps im wohl bekanntesten der 15 nationalsozialistischen Emslandlager zusammen. Schon früher habe er sich mit der Lokalgeschichte befasst, „aber dies ist ein wesentlich direkterer und intensiverer Umgang mit unserer Vergangenheit.“

So bot der Landkreis Emsland in Kooperation mit dem Jugendamt des Bistums Osnabrück sowie mehreren kirchlichen Jugendverbänden in diesem Jahr Jugendlichen bereits zum zweiten Mal die Chance, sich im Rahmen einwöchiger Camps näher mit der jüngeren Geschichte auseinander zu setzen. 57 junge Frauen und Männer aus den Bistum Osnabrück und dem Erzbistum Berlin nahmen das Angebot an. Durch den Besuch des Dokumentations- und Informationszentrums Emslandlager (DIZ) in Papenburg, eine Fahrt zum niederländischen Sammellager in Westerbork (Provinz Drenthe) sowie eine historische Einführung durch Kreisarchivar Heiner Schüpp bestens vorbereitet, hieß es anschließend, Spaten und Vermessungswerkzeuge in die Hand zu nehmen. Fachlich stand den historisch Interessierten der Archäologe Falk Näth und der Bautechniker Johannes Knelangen zur Seite, der auch die genaue Verzeichnung der Fundstücke überwachte.

„Eine genaue Dokumentation ist besonders wichtig für uns. Denn durch die Grabungen gehen uns diese Teile des Geländes unweigerlich verloren“, erläutert die Leiterin des Kulturamtes des Landkreises Emsland, Dr. Andrea Kaltofen, das Vorgehen. Diese Arbeiten leisteten zudem einen wichtigen Beitrag für die weiteren Planungen des Landkreises: Auf dem Gelände in Esterwegen soll die zentrale Gedenkstätte für alle Opfer der Emslandlager entstehen.
Erst im Jahr 2000 hatte der Kreis das Gelände von der Bundeswehr erworben. Und anstatt professionelle archäologische Grabungen in Auftrag zu geben, hatte sich der Kulturausschuss dafür entschieden, diese Tätigkeiten als Beitrag einer „praxis- und erlebnisorientierten politischen Bildung“ mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen durchzuführen.

Ein Konzept, welches von den Jugendlichen, Gruppenleitern und Vertretern des Landkreises sowie des Bistums gleichermaßen positiv bewertet wird. So nimmt auch die 17-jährige Lisa Gödert aus Wallenhorst bei Osnabrück bleibende Eindrücke mit: „Es war sehr interessant. Vorher wusste ich noch nicht einmal von der Existenz dieser Lager.“ Und trotz manch eintöniger und schwerer Arbeit – auch die Steine des Lagerweges mussten aufgehoben und säuberlich gestapelt werden – würde sie gerne im nächsten Jahr wiederkommen. Genau wie die acht Teilnehmer in diesem Jahr, die auch 2003 beim ersten Camp schon dabei waren.

Insgesamt 57 Jugendliche führten in den vergangenen drei Wochen archäologische Grabungen auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers in Esterwegen durch. Nach anstrengender Arbeit ging es über den Lagerweg zurück zum Zeltplatz.

In einer ehemaligen Baracke der Bundeswehr wurden die Fundstücke verzeichnet (von links): Katharina Liehmann (18), Archäologe Falk Näth, Kulturamtsleiterin Dr. Andrea Kaltofen sowie Anna Katharina Hüveler (18).

Als „eine tolle Truppe“ bezeichnete Katrin Richter (17) aus Engter bei Bramsche ihre Workcamp-Gemeinschaft. Sie hatte vorher im Geschichtsunterricht von der Existenz der Emslandlager gehört.

Die Gruppenarbeit liegt dem Jugendreferenten des Dekanates Lingen, Holger Berentzen, besonders am Herzen. „Jeder wird von dieser Woche hier etwas mitnehmen“, ist er sich sicher.

Auch Theo Paul, Generalvikar des Bistums Osnabrück (Vierter von links) und Dekanatsjugendreferent Ewald Mescher (rechts) tauschten eine Woche lang ihren Schreibtisch mit Spaten und Pinsel.

Besonders beeindruckend für viele Teilnehmer war ein Besuch des niederländischen Sammellagers in Westerbork bei Assen. Intensiv wurde auch mit Zeitzeugen wie dem Westerbork- und Auschwitz-Überlebenden Herzberger gesprochen.

Abrupt endende Gleise liegen auf dem Gelände des ehemaligen Lagers Westerbork.

Nächste Öffentliche Führung:

Von Februar bis Dezember an jedem 1. Sonntag im Monat um 11:00 Uhr und 15:00 Uhr.
Eine Anmeldung für Einzelbesucher ist nicht erforderlich.