„Kaum möglich, sich der Überwachung zu entziehen“

Falk Näth leitet seit drei Jahren die archäologischen Grabungen auf dem ehemaligen KZ-Gelände in Esterwegen

Esterwegen

Bereits zum dritten Mal führte der Landkreis Emsland in diesem Jahr auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrations- und Strafgefangenenlagers Esterwegen Ausgrabungen mit Jugendgruppen durch. Über seine Erfahrungen äußerte sich Falk Näth, der als freier Archäologe die Arbeiten leitete.

Von Carsten van Bevern

Was ist für Sie der besondere Reiz der Ausgrabungen auf dem Esterweger Gelände?

Näth:
Der besondere Reiz einer archäologischen Untersuchung an einem zeitgeschichtlichen Ort ist der unmittelbare Bezug zur Gegenwart. Man hat es nicht mit Ereignissen längst abgeschlossener Zeitepochen zu tun, sondern mit Ereignissen, deren Zeitzeugen heute – gerade noch – ansprechbar sind.

Was wird vor Ort genau untersucht und nach welchen Methoden wird dabei gearbeitet?

Näth:
Gegenstand der bisherigen Untersuchungen ist die Situation im Häftlingstrakt. Das Hauptaugenmerk liegt hierbei vor allem auf die Art der Abgrenzung der Inhaftierten zur Außenwelt. So zum Beispiel der Aufbau der Außenmauer mit der Zaun- und Postenweganlage sowie der Zwischenzäune zum Wachmannschaftsbereich. Hier gehen wir mit einer Mischung aus stadtkern- und siedlungsarchäologischen Methoden vor. So werden Fundamente schichtweise freigelegt und dokumentiert. Und dort, wo aufgrund späterer Eingriffe keine Fundamente mehr erhalten sind, wird mit künstlichen Flächen, so genannten Plana, die Verfärbung des Bodens untersucht und interpretiert.

Wie sind hierbei Ihre Erfahrungen in der Arbeit mit den Jugendgruppen?

Näth:
Es ist für mich immer wieder erstaunlich, wie schnell sich die motivierten Freiwilligen der Work-Camps in die doch recht komplizierten Abläufe einer Ausgrabung einarbeiten können. Und wie nachhaltig die Erfahrungen der Camps auch bei den Teilnehmern sind, zeigt sich darin, dass sich über die letzten drei Jahre ein ‚harter Kern‘ von Freiwilligen herausgebildet hat, der regelmäßig teilnimmt. Diese besondere Mischung gibt immer wieder neue Impulse für meine Arbeit. Eine kreativere und reflektiertere Arbeit an einem historisch derart bedeuten-den/belastenden Ort kann ich mir kaum vorstellen.

Was war ein besonders spannendes Erlebnis bei den diesjährigen Arbeiten?

Näth:
Besonders spannend war in diesem Jahr die Zusammenarbeit mit dem vom Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge organisierten internationalen Workshop. Da gab es Teilnehmer aus Moldawien, Polen und Weißrussland. Trotz unterschiedlicher Sprachen und kultureller Hintergründe haben wir über die archäologische Arbeit eine gemeinsame Kommunikation gefunden. Das ist für mich eine Bestätigung für die Wichtigkeit der Work-Camps in Bezug auf die politisch bildende Auseinandersetzung junger Menschen mit der NS-Vergangenheit.

Zum Abschluss noch zu den Ergebnissen der bisherigen Grabungen?

Näth:
Durch die bisherigen Untersuchungen konnte die Situation der Inhaftierten des Lagers genauer umrissen werden. So war, eingesperrt innerhalb einer weißen Kalksteinmauer mit einem zusätzlich unter Strom gesetzten Stacheldrahtzaun sowie einer rund einen Meter breiten Stacheldrahtrolle, an Flucht nicht zu denken. Sorgsam verlegte Stromschächte versorgten zudem Beleuchtungsanlagen rund um das Gelände, eine weitere Kontrolle bestand durch die Ecktürme des Lagers sowie den Postenstand über dem Mitteltor. Und ein oberirdisches Arrestgebäude im Norden des Areals war zusätzlich durch einen Stacheldrahtzaun vom übrigen Häftlingstrakt abgetrennt. Eine solche Anlage bedeutete ein Leben unter ständiger Kontrolle durch die Wachen, es gab kaum einen Rückzugspunkt oder gar eine Möglichkeit, sich der Überwachung zu entziehen.

Falk Näth

Nächste Öffentliche Führung:

Von Februar bis Dezember an jedem 1. Sonntag im Monat um 11:00 Uhr und 15:00 Uhr.
Eine Anmeldung für Einzelbesucher ist nicht erforderlich.