Kriechend und bellend durch das KZ Esterwegen geführt

Esterwegen. Ernst Heilmann musste mit einer Kette um den Hals auf allen Vieren durch das emsländische Konzentrationslager kriechen. Die Aufseher steckten den früheren SPD-Politiker in den Zwinger zu den wilden Hunden. An das Schicksal von Häftlingen wie Ernst Heilmann im KZ Esterwegen soll ab dem kommenden Montag erinnert werden, wenn die Gedenkstätte offiziell eröffnet wird.

„...Im Lager erhielt Heilmann, nachdem er vorher von K. misshandelt worden war, eine Kette um den Hals gelegt und wurde gezwungen, wie ein Hund auf Händen und Füßen zu laufen und gleichzeitig zu bellen. Alsdann wurde er bellend in die einzelnen Baracken geführt. In jeder Baracke musste er rufen: „Ich bin der jüdische Landtagsabgeordnete Heilmann von der SPD-Fraktion!“

Anschließend wurde er in den Zwinger zu den scharfen Schäferhunden gebracht, auch hier musste er wie ein Hund auf Händen und Füßen herumkriechen, wobei ihm die Hunde die Kleider vom Leib rissen. Viele Menschen reagieren fast schon ungläubig, wenn sie das erste Mal von dieser Schilderung erfahren. Doch belegt ist diese Szene von Zeitzeugen, und niedergeschrieben ist sie in der Anklageschrift gegen den SS-Wachmann Johannes Peter K. im KZ Börgermoor.

Ernst Heilmann, am 13. April 1881 in Berlin geboren, hatte Rechts- und Sozialwissenschaften studiert. Nach Ablegung seines ersten Examens war ihm als frühem Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschland (SPD) in der Zeit des Kaiserreichs der Weg in den Staatsdienst allerdings verwehrt, sodass der politisch Interessierte schließlich als Parlaments-Berichterstatter für sozialdemokratische Zeitungen arbeitete. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges sprach sich der SPD-Politiker Heilmann wie Vertreter anderer sozialistischer Parteien in ganz Europa gegen den drohenden Krieg aus – während des Krieges gehörte er allerdings zu den Befürwortern der Burgfriedenspolitik und war innerhalb der Partei Vertreter einer sozialimperialistischen Politik. Die Parteilinke lehnte ihn fortan entschieden ab, und Lenin bezeichnete Heilmann 1917 als einen „extremen deutschen Chauvinisten“. 1915 meldete sich Heilmann als Kriegsfreiwilliger und kehrte ein Jahr später schwer verwundet sowie auf einem Auge blind von der Front zurück.

1919 in die Verfassunggebende Länderversammlung Preußens gewählt, gehörte er dem Preußischen Landtag bis 1933 an, seit 1921 als Vorsitzender der SPD-Fraktion. Von 1928 bis 1933 war er zudem Reichstagsabgeordneter. Er war in beiden Parlamenten ein steter Verteidiger der Weimarer Republik und zählte zu den wirkungsvollsten Rednern in der Abwehr der Nationalsozialisten.

Wenige Monate nach der NS-Machtergreifung und vier Tage nach dem Verbot der SPD ist Heilmann am 26. Juni 1933 im Café Josty in Berlin von der Gestapo verhaftet, dort ins KZ Columbia und wenige Tage später ins Berliner Polizeipräsidium am Alexanderplatz gebracht und misshandelt worden. Zuvor hatte er einen Gang ins Exil und auch das Angebot eines Diplomatenpasses für ihn unter anderem mit den Worten „das ist nichts für mich, im Ausland als Emigrant und Privatmensch zu leben [...] unsere Mitglieder, die Arbeiter, können auch nicht davonlaufen“ abgelehnt.

Weitere Haftaufenthalte folgten im Strafgefängnis Plötzensee und den KZ Börgermoor, Esterwegen, Oranienburg, Sachsenhausen, Dachau und schließlich ab September 1938 im KZ Buchenwald. In Börgermoor versuchte Heilmann bereits , seine Qualen zu beenden: Er überschritt eine Postenkette wohl mit dem Ziel, tödliche Schüsse der Wachposten zu provozieren. Diese schossen ihm jedoch „nur“ ins rechte Bein. Im KZ Buchenwald wurde Ernst Heilmann, bereits schwer von den Haftaufenthalten gezeichnet, beim Abendappell herausgerufen und in den KZ Bunker gebracht. Am Morgen des 3. April tötete ihn der SS-Hauptscharführer Martin Sommer mit einer Giftspritze, in der Meldung an die Kommandantur hieß es, Heilmann sei um 5.10 Uhr „an Herzschwäche bei Herzfehler (Wassersucht)“ gestorben. Heinrich Himmler, der Reichsführer SS, hatte sich Heilmanns Schicksal persönlich vorbehalten. Er hinterließ Ehefrau Magdalena sowie zwei Töchter und zwei Söhne.

Autor: Carsten van Bevern, Meppener Tagespost am 25. Oktober 2011

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