KZ Esterwegen: Kommandant Hans Loritz war bei Gefangenen gefürchtet

Esterwegen. „Loritz führt zu meiner größten Zufriedenheit das Konzentrationslager Esterwegen. Dieses Lager ist von allen am schwierigsten zu leiten, da es durchwegs Verbrecher beherbergt, landschaftlich vollkommen abseits und umgeben von einer reaktionär eingestellten Bevölkerung liegt. [...] Loritz hat innerhalb kurzer Zeit [...] ein mustergültiges Gefangenenlager aufgebaut.“

Im Juli 1935 schreibt der Inspekteur der Konzentrationslager, Theodor Eicke, diese Beurteilung über Hans Loritz. Zu diesem Zeitpunkt ist der frühere Polizist und Verwaltungsbeamte aus Augsburg bereits seit über einem Jahr Kommandant des Konzentrationslagers Esterwegen. „Eine Bestie in Menschengestalt, wie man sie sich schlimmer nicht denken kann [...] Die Brutalitäten der Wachmänner steigerten sich von Tag zu Tag, die Juden wurden in den Bunker geworfen und dort in der abscheulichsten Weise gemartert [...] und der Ochsen-Ziemer sauste unbarmherzig über die Rücken der zur Prügelstrafe verurteilten Häftlinge“, erinnerte sich der Überlebende Fritz Arnolds, der wegen kritischer Äußerungen über die Reichsregierung verhaftet worden war, an den Dienstantritt von Loritz. Dieser hatte unter anderem mit einer neuen Lagerordnung das Terrorregime systematisiert.

Neues Strafsystem
Nach Aussage des Historikers Dirk Riedel war die neue Lagerordnung für Loritz sowohl konkrete Handlungsanweisung als auch ideologische Rechtfertigung der Gewalttaten. „Die Schnauze hervor, alles herhören. Ich habe am heutigen Tag das Lager übernommen. In puncto Disziplin bin ich ein Schwein.“ Mit diesen Worten hat sich der neue Kommandant in der Erinnerung eines Gefangenen vorgestellt.

Loritz, 1895 in Augsburg geboren, lernte das Bäckerhandwerk, meldete sich nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges freiwillig, wurde mehrfach verwundet und später als Flieger über Frankreich abgeschossen. Nach seiner Rückkehr wird er wie sein Vater Polizist, muss den Dienst nach Bedrängung eines Unfallopfers allerdings quittieren und wird Kassierer bei den Stadtwerken. Am 1. August 1930 tritt er in die NSDAP (Mitgliedsnummer 298668) und die SS (Nummer 4165) ein, befehligt später die gesamte schwäbische SS und wird nach einer Strafversetzung Leiter des SS-Hilfswerkes im KZ Dachau. Nach finanziellen Unstimmigkeiten dort – Loritz gilt bereits in dieser Zeit als hoch korrupt – wird er KZ-Kommandant in Esterwegen.

Hier führt er Dutzende neue Strafen ein, die geringsten Verstöße konnten nun mit „tagelangem strengen Arrest“, „dauernder Verwahrung in Einzelhaft“ oder „25 Stockhieben“ geahndet werden. Laut dem kommunistischen Häftling Emil Taetz kam in „die Menschenschinderei mehr System“. Sein Judenhass soll dabei grenzenlos gewesen sein. Doch Loritz foltert nicht selbst, auch die Wachmannschaften werden von ihm hart geführt.

Nach Umwandlung des KZ Esterwegen zu einem Strafgefangenenlager wird Loritz Kommandant im KZ Dachau und später in Sachsenhausen – hier ist er unter anderem an der Ermordung von 12000 sowjetischen Kriegsgefangenen beteiligt. Und hier lässt er auch den ihm aus Augsburger Tagen bekannten ehemaligen SPD-Reichstagsabgeordneten Clemens Högg in eine Dunkelzelle einsperren. Nach zwei Jahren in dieser Zelle ist Högg blind, ein Bein muss amputiert werden.

Wieder unter Korruptionsverdacht stehend, wird Loritz am 1. September 1942 nach Norwegen strafversetzt. Nach Kriegsende – sein Name steht auf der Kriegsverbrecherliste der Alliierten – taucht er mit von der SS gefälschten Ausweispapieren unter dem Namen Hans Berg in Schweden unter. Im September 1945 wird er auf der Überführung nach Deutschland erkannt und nach der Ankunft verhaftet. In der Nacht zum 31. Januar 1946 erhängt sich Loritz mit seinem Gürtel in einer Zelle des Internierungslagers Neumünster-Gadeland. Schon frühere Aussagen von Loritz deuteten an, dass die Vorstellung eines Lebens in einem vom Nationalsozialismus befreiten Deutschland für ihn unerträglich war.

Autor: Carsten van Bevern, Meppener Tagespost am 26. Oktober 2011

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